"best practice" / Schulbezogene Sozialarbeit

„Der Doppelpass“ – Gelebte Kooperation an der Mühlenau-Grundschule

Menschenkette zwischen Mühlenau-Grundschule und Nachbarschaftshaus Wannseebahn e.V. zum 15-jährigen Jubiläum des Schülerclubs am 15.04.2010

  • Seit 17 Jahren besteht eine Kooperation zwischen der Mühlenau-Grundschule und dem Nachbarschaftshaus Wannseebahn e.V. in Berlin Steglitz-Zehlendorf. 1995 steht die Gründung des Schülerclubs am Anfang der Zusammenarbeit. Im Jahr 2000 kommt eine Schulstation und im Jahr 2005, in gleicher Trägerschaft, der Schulhort hinzu.

Im Interview erzählen sie, wie Kooperation gelingen kann, welcher Gewinn daraus entsteht und was für die Weiterentwicklung der schulbezogenen Sozialarbeit wichtig ist. Der Inhalt wird hier in gekürzter Form wiedergegeben. Das Interview führt Jana Thun, Koordinatorin für Kooperation Schule-Jugendhilfe in Steglitz-Zehlendorf.

•    Um wie viele Schülerinnen und Schüler geht es an der Mühlenau-Grundschule?

Volker Herz:
Die Mühlenau-Grundschule wird derzeit von 663 Schülerinnen und Schülern besucht. Das bietet große Chancen, weil viele Dinge möglich sind, aber es ist auch eine hohe Belastung und gleichzeitig ist die Vielschichtigkeit wesentlich höher. Insofern ist es gut, dass wir ein gut eingespieltes Team sind und dass sich vieles im Laufe der Jahre als ganz stabile Situation heraus gestellt hat. Das Wichtigste in der Schulsozialarbeit ist personelle Kontinuität.

•    Welche Arbeitsschwerpunkte und Ziele haben Sie für Ihre Zusammenarbeit definiert?

Karl Maurer:
Da zitiere ich immer gern das Schulprogramm, daran haben wir als Freier Träger und Mitarbeiter hier im Haus mitgewirkt. Und einer der ersten Sätze lautet: ‚Die Mühlenau-Grundschule ist zugleich Lern- und Lebensort für alle Schülerinnen und Schüler und aller am Schulleben Beteiligten.’ Wir sehen als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schulstation und des Schülerclubs einen wesentlichen Anteil der Arbeit darin, die Schulkultur aktiv mit zu gestalten. Das heißt, sowohl in Einzelfällen und die Klassenverbände zu unterstützen, als auch in Richtung Öffnung der Schulen zum Umfeld nach Außen zu wirken.

Volker Herz:
Es ist ein wirklich entlastender Beitrag, im Sinne von Moderation bei Problemsituationen und dem Input, dass überhaupt etwas von Draußen rein kommt und man nicht nur als Schule ein Mikrokosmos ist. Dazu trägt das Nachbarschaftshaus mit den verschiedenen Praxisstellen bei und das wird hier sehr wert geschätzt. Ein weiterer Schwerpunkt ist, dass es für Kinder wichtig ist, dass sie auch andere Ansprechpartner haben. Weil Lehrer sowohl für Schüler als auch für Eltern ein ganz bestimmtes Feld bedienen. Wenn es um andere Bereiche geht, ist es eben so, dass man andere Menschen braucht, um sich in Konfliktsituationen überhaupt zu öffnen. Weil es sich sonst sofort mit der Leistungsproblematik, mit den Entscheidungen über Versetzung oder Sonstigem vermischt. Insofern ist es wirklich eine ganz wesentliche Bereicherung für den schulischen Alltag, gerade im Sinne der Erziehungsarbeit, die wir leisten sollen.

Karl Maurer:
Und über den schulischen Alltag hinaus, sehen wir unsere Aufgabe als Sozialarbeiter darin, die verschiedenen Lebensbereiche der Kinder, also Schule, Familie und Freizeit miteinander zu verknüpfen. Das ist ein ganz wesentlicher Ansatz, dass wir den Blick auf das Ganze haben. Auch gemeinsam mit Lehrerinnen und Lehrern.

Volker Herz:
Wichtig ist auch die Transparenz, dass wir die Gremienarbeit von Anfang an immer sofort geöffnet und entsprechend im Kooperationsvertrag festgelegt haben. Dass es selbstverständlich ist, dass jemand mit in der Schulkonferenz dabei ist, nicht erst hinein gewählt werden muss, sondern von vornherein dabei ist. Das ist selbstverständlich in den Gesamtkonferenzen, in allen Bereichen.

Karl Maurer:
Zum Thema Kooperation im Alltag, morgen ist z.B. die Preisverleihung zur Umweltschule, sowohl Lehrkräfte als auch Mitarbeiter vom Nachbarschaftshaus bieten in dem Bereich verschiedene Projekte an. Dadurch erhält die Mühlenau-Grundschule nun so eine tolle Auszeichnung. Zugleich kooperieren wir im Alltag, bei sozialen Stunden im Klassenverband, wo es um Klassenregeln und Ähnliches geht, im Einzelfall, bei Elterngesprächen etc. ganz eng mit Lehrerinnen und Lehrern. Und was das Schulleben auch mitprägt, sind unsere Konfliktlotsen, die wir in der Schule haben. Da ist eine enge Kooperation mit Lehrerinnen und Lehrern ganz wichtig. Im Alltag werden einzelne Anteile von Schulstunden geopfert, aber gleichzeitig hat es ja auch einen Effekt nach innen, dass die Schülerinnen und Schüler ganz anders am Unterricht teilhaben können.

•    Ich möchte es noch einmal fokussieren, was macht für Sie eine gelingende Kooperation aus?

Karl Maurer:
Eine direkte Ansprechbarkeit, man hat direkten Kontakt. Es wird nichts auf die lange Bank geschoben. Das ist ganz wichtig bei Konflikten, die GrundschülerInnen haben, dass man zeitnah reagiert und da ist es auch wichtig, dass man Absprachen, sowohl mit Schulleitung, als auch mit den agierenden Lehrerinnen und Lehrern und Sozialarbeitern trifft.

Volker Herz:
Sich als Ganzes zu verstehen, wirklich zu sagen: ‚Wir arbeiten gemeinsam für die gleichen Kinder.’ Wir arbeiten nicht nebeneinander, sondern wir arbeiten wirklich im Interesse der Kinder miteinander und das ist eben mit solchen Worten zu beschreiben, wie Offenheit, Transparenz, Wertschätzung, dass es da keine Abgrenzung gibt. Wir sind nicht nur eine Bildungseinrichtung, sondern ein Lebensraum, wie wir es auch im Leitbild definiert haben. Trotzdem, Schule bleibt halt Schule, aufgrund der Hauptaufgabe, Lehrstoff zu vermitteln. Ein Sozialarbeiter oder ein Erzieher kann seinen Blick noch mehr auf die Kinder richten, insofern er auch Anwalt der Kinder ist. Und das auf der Erwachsenenebene, auch auf Augenhöhe zu besprechen und beides zueinander zu führen, dass ist die wirkliche Chance und ich glaube, wir leben das ganz gut.

Karl Mauerer:
Das ist schon durch die jahrelange Kooperation so gefestigt, dass es auch bei unterschiedlichen Meinungen oder Ideen keinerlei Abbruch gibt und das nicht weniger Wertschätzung bedeutet. Ich denke, dass ist ein ganz wichtiger Effekt. Weil wir unsere Rolle auch als Anwalt des Kindes sehen und dann ist es ganz wichtig, dass wir Fürsprecher der Kinder sind und zugleich muss man gucken, wenn es von schulischer Seite in Richtung Sanktionen geht, wie man zu einem gelungenen Ergebnis kommt. Und beim nächsten Fall gibt es einen kompletten Neustart. Das finde ich gut.

•    Welchen Gewinn oder Nutzen, der aus der Zusammenarbeit entsteht, sehen sie ganz konkret?

Volker Herz:
Ich möchte zuerst über die Kinder sprechen. Der Nutzen für die Kinder und für die Elternhäuser ist gerade diese Vielseitigkeit der Ansprechpartner, gerade in Problemfällen. Insgesamt, ich kann nur allein für die Lehrer sprechen, sage ich ganz simpel, das ist ein ganz angenehmes und hilfreiches Gefühl, zu wissen, ich habe jemanden an der Seite, der nicht gleich automatisch in dieser Funktionalität des Lehrerseins ist. Und das wird nicht nur wertgeschätzt, sondern als richtig gut und angenehm empfunden.

Karl Maurer:
Für uns als Jugendhilfeträger ist es letztendlich so, Kinder und Jugendliche erreicht man einfach an der Schule. Also, unser Augenmerk sind die Kinder und Jugendlichen und die erreichen wir hier an der Schule und können sie hier entsprechend unterstützen und fördern. Da gibt es einen schönen Satz: ‚Die Zuständigkeit der Schule soll nicht am Schultor enden.’ Und genauso nicht die der Jugendhilfe. Ich denke auch, dass diese klassischen Kommstrukturen, die es in der Jugendhilfe gibt, dass die sich minimieren. Es ist einfach wichtig, im Hinblick auf die Zukunft, dass man da kooperiert, und das ist auch unser Zugewinn als Freier Träger.

•    Wo sehen Sie Gefahren, was ist unbedingt beim Ausbau der Kooperationsbeziehungen zwischen Schule und Jugendhilfe zu beachten?

Volker Herz:
Man kann fragen: ‚Was brauchen wir?’ Das ist mit Sicherheit Stabilität und Kontinuität, auch personeller Art, nicht nur in der Ausstattung, sondern tatsächlich in den Personen, weil wir Beziehungsarbeit leisten, egal in welcher Abteilung. Und zu denken, dass man mal, wie ein Unfallkommando einrückt, um dann in 14 Tagen ein Problem zu beseitigen, das hat mit Sicherheit eine völlig andere Struktur dann und nicht diese Effizienz, die wir hier erleben und die wir auch weiter haben möchten. Das ist unsere große Belastung, dass wir es spüren, was den Freien Träger natürlich noch viel mehr belastet, weil eben die Arbeitsplätze über lange Zeit nicht über lange Fristen gesichert waren. Das haben wir als sehr belastend und auch als störend empfunden. Statt zum Kind, haben wir uns Gedanken gemacht, wie wir auf politischer Ebene etwas erreichen können, bis hin zu Demonstrationen der Elternschaft für die Schulstation und all solchen Sachen. Das nimmt Kapazitäten weg.

Karl Maurer:
Das ist auch für uns als Freier Träger ganz wichtig, dass Eltern und Lehrer und Schülerinnen und Schüler dahinter stehen und sprichwörtlich für Schulstationen und Schülerclubs auf die Straße gehen, für diese werben und sich einsetzen. Es ist immer auch eine Gefahr, auf der Ebene der reinen Besitzstandswahrung zu bleiben. Man muss natürlich auch nach vorne gucken, wie kann man die Schulsozialarbeit weiterentwickeln. Natürlich haben alle Schulen Interesse, dass es die Schulsozialarbeit gibt und diese Gratwanderung, Bestehendes und gut Funktionierendes nicht zu zerschlagen und gleichzeitig auch anderen Schulen zu ermöglichen Schulsozialarbeit zu haben. Das heißt, eigentlich geht es nur über eine gewisse Erhöhung der Mittel, die allgemein zur Verfügung stehen. Aber im Moment wird ja diskutiert, dass man bei gleichbleibender finanzieller Ausstattung das ganze System verändert.

Volker Herz:
Man hat in anderen Bereichen versucht durch Schulverbünde bestimmte Probleme zu lösen, im sonderpädagogischen Bereich, im Fortbildungsbereich. Es gibt damit aber leider nicht nur gute Erfahrungen. Und wenn ich jetzt die Idee höre, dass man in der Richtung agiert, würde ich daran viele Bedingungen stellen. Nämlich auch Stabilität in den Verbünden, Stabilität des Personals dort. Wir wollen nicht Besitzstandswahrung haben, nach dem Motto: ‚Wir haben jetzt und kein anderer bekommt was ab.’ So nicht, aber es kann nicht sein, dass Dinge zu Lasten gut funktionierender Modelle gehen. Das wäre ein Jammer.

Karl Maurer:
Wir haben ja zugleich einen Schülerclub mit Schwerpunkt 5./6. Klassen. Der Schülerclub hat ein Standbein hier in der Schule und ein Standbein im Nachbarschaftshaus, was wieder Synergieeffekte schafft.  Da wenden wir uns auch an andere Schulen. Schülerinnen und Schüler aus den 5./6. Klassen und aus den 7./8. Klassen am Übergang Oberschule besuchen das Nachbarschaftshaus am Nachmittag. Das ist so ein Modell, wo man sich überlegen kann, wie kann man das ausweiten, aber für die reine Arbeit vor Ort in der Schulstation ist es schon immanent wichtig, dass man einen gewissen Stellenanteil oder gewissen Personalschlüssel hat, für so viele Schülerinnen und Schüler.

•    Welche Erwartungen und Wünsche haben Sie an die Weiterentwicklung der Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe?

Karl Maurer:
Ein großes Zukunftsfeld, wo ich uns als Träger und auch die Schule recht gut aufgestellt sehe, ist die Öffnung der Schule in Richtung Sozialraumbudgetierung. Weil wir schon viele Aktionen gemacht haben, wie Umgestaltung von Kinderspielplätzen mit Schulklassen, Umgestaltung des Schulweges oder Aktionen in den Sommerferien, also Dinge, wo wir aktiv, die Schülerinnen und Schüler und Eltern bewegen, sich für ihre Umwelt zu engagieren. Und da ist es toll, wenn man eine Kooperation mit einer Schule hat und nach Außen wirken kann. Dieser Blick auf den Sozialraum wird bei uns in der Jugendarbeit immer wichtiger und es ist auch berechtigt, dass er so wichtig ist. Darum kümmern wir uns schon seit Jahren und haben das im Blick.

Volker Herz:
Es wäre auch mit Sicherheit ein Ziel, im Sinne der Sozialraumarbeit, dass man diese formalen Hindernisse, die es immer noch gibt, ausräumt, dass man im Interesse des Ganzen guckt, wo könnten wir da schnellere, direkte Wege finden.
Es sind einfach manchmal zu viele Stationen nötig, bevor man dann wirklich gemeinsam was tun kann. Wenn ich jetzt insgesamt an den Jugendhilfebereich denke, dann spür ich das und ich weiß, dass da teilweise gesetzliche Vorschriften dahinter stecken. Da könnte sehr viel mehr Effizienz entstehen, sicher immer auch mit Blick auf den rechtlichen Rahmen, aber  in vielen Bereichen gäbe es da schon Handlungsspielräume.  Die muss man eben auch benennen und dann öffnen. Das wäre etwas, was mir auch wichtig wäre.

•    Was ist noch wichtig für die Zukunft der Kooperation von Jugendhilfe und Schule?

Karl Maurer:
Insgesamt eine Sensibilisierung von Politik, aber auch von Bürgerinnen und Bürgern für dieses Thema: ‚Wie können wir Schule zukunftsfähig machen und wie können wir Jugendhilfe zukunftsfähig machen?’, in Zeiten knapper finanzieller Ressourcen. Das ist die große Zukunftsaufgabe. Das geht nur über Synergieeffekte, die man erreicht, wobei man immer auch die Eigenständigkeit der Bereiche im Blick haben muss. Eine gelungene Zusammenarbeit funktioniert immer, wenn man zugleich auf Augenhöhe kooperiert und die Eigenständigkeit der Bereiche akzeptiert.

Volker Herz:
Wir haben offiziell den Auftrag, die Schule hat ihn definiert in § 5 vom Schulgesetz, dass es diese Öffnung der Schulen geben soll. Kooperation muss man dann eben auch befördern, man kann nicht nur sagen: ‚Sucht die euch mal!’, sondern man muss eben auch von Seiten der Politik, des Gesetzgebers gucken, wie finden wir Strukturen, dass das auch funktioniert. Es hat drei Jahre gedauert, bis die Mitarbeiter des Schulhortes  in den Gremien der Schule stimmberechtigt waren. Man musste Gesetze an anderen Stellen erst verändern, damit man § 5 überhaupt umsetzen kann. Das ist natürlich ärgerlich, weil das so lange dauert. Da würde man sich wünschen, dass mal einer sagt: ‚Gut daran haben wir auch gedacht.’

Karl Maurer:
Das schönste Bild von unserer Kooperation habe ich vor Augen, das war vor zwei Jahren, als wir 15 Jahre Schülerclub gefeiert haben, da haben die Schülerinnen und Schüler und Lehrerinnen und Lehrer und Nachbarn eine große Menschenkette gebildet. Zwischen der Schule hier und dem Nachbarschaftshaus, das ist 700/800 Meter entfernt, über die Berliner Straße drüber, dass ist einfach so ein Zeichen, wo man das gesehen hat: ‚Wir stehen zusammen’.

 

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