Bezirkliches Rahmenkonzept / Inklusion

„Stellt Euch diesem Thema“ – Uwe Lamm im Interview über Partizipation im Kontext von Inklusion

Uwe Lamm (Geschäftsführer der contact – Jugendhilfe und Bildung gGmbH) berichtet im Interview als Mitglied der Netzwerkgruppe „Inklusive Erziehung und Bildung in Steglitz-Zehlendorf“ über Chancen und Risiken der Umsetzung von Inklusion in einem partizipationsorientierten Prozess.
Das Interview führt Jana Thun, Koordinatorin für Kooperation von Schule und Jugendhilfe in Steglitz-Zehlendorf.

Was verbindest du mit dem Begriff ‚Partizipation’  von Kindern und Jugendlichen?

Begriffe wie „Teilhabe“ beinhalten, von etwas profitieren zu können und sich sowohl eingeben wie auch nutzen zu können. Das gilt im Großen für politische Prozesse, aber auch bereits für junge Menschen. Partizipation sollte Bestandteil von gelingender Erziehung sein, sowohl in der Lebenswelt Familie als auch in den Lebenswelten Kita, Schule, etc.

Du bist Mitglied im Netzwerk Inklusion, wo es um die Entwicklung und Umsetzung inklusiver Erziehung und Bildung in Steglitz-Zehlendorf geht. Dort bist du in der Arbeitsgruppe, die es Kindern und Jugendlichen ermöglichen soll, sich an diesem Prozess zu beteiligen. Wieso ist das für dich wichtig, gerade in diesem Netzwerk und in diesem Zusammenhang?

Da würde ich ausnahmsweise gern bei den Erwachsenen anfangen. Wenn Partizipation von Kindern und Jugendlichen in diesem Bereich gelingen soll, dann müssen wir das erst auf Erwachsenenebene herstellen. Beim Thema Inklusion reicht es nicht, wenn eine UN-Konvention, die ja nicht nur für den Bereich Behinderung, sondern für ganz andere Bereiche und Personengruppen weltweit gilt, darüber steht. Diese wird vor allen Dingen von den Staaten, die sie unterschrieben haben, ganz unterschiedlich gewichtet.
Wenn wir für den Bereich Schule „Inklusion“ anpacken, dann ist diese Netzwerkgruppe genau der richtige Start gewesen. Nämlich für Beteiligung aller relevanten Akteure und Akteurinnen zu sorgen, damit wir als Spiegel und als Vorbild bzw. als Modell stehen, für weitere gelingende Prozesse bei Kindern und Jugendlichen. Erst wenn wir vormachen, dass wir uns (aus über 30 Fachmenschen bestehend) auf  eine gemeinsame Netzwerkidee und auf konzeptionelle Abstimmungen einigen, wird das helfen, dass wir überhaupt für die nächsten Jahre einen erfolgreichen gemeinsamen Inklusionsprozess hinbekommen. Einfach eine Person hinzustellen, die das nachher leitet und koordiniert, ist quatsch. Die Systeme müssen miteinander interagieren und ständig in Wechselwirkung sein, das üben wir jetzt schon.
Und was die Kinder und Jugendlichen betrifft, wenn diese merken, wie auf einmal Systeme, die Erwachsenen, ihre Lehrer, ihre Psychologinnen, ihre Erzieherinnen, ihre Pädagogen zusammen arbeiten, dann werden sie ein Gefühl dafür bekommen, was gut und richtig bei ihnen ankommt und was gut für gelingende Bildungs-, Teilhabe-, Aneignungsprozesse ist. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen sehr metaphorisch, aber ich glaube, wenn dieses Zahnrad da oben funktioniert, kann es unten erfolgreich rattern. Dann ist das Thema Partizipation für jedes Kind und für jeden Jugendlichen greifbar. Dann getrauen sie sich auch nachzufragen, weil sie in einem System sind, wo dies erlaubt ist.

Kannst du das bitte an einem Beispiel verdeutlichen bzw. konkretisieren?

Wenn ich mir vorstelle, wie vereinzelt unser Vorgehen früher mit den Kindern und  Jugendlichen war: Institutionen bzw. Organisationen kannten sich untereinander gar nicht. Zum Teil sind die Kinder und Jugendlichen von einem System ins andere gerannt. Wenn ich sehe, wie wir heute organisch Hand in Hand arbeiten und unser Wissen austauschen, da checkt schon jeder 8-jährige, dass wir Hand in Hand arbeiten. Im Positiven heißt dass, dass sich auch natürliche Entfaltungsprozesse zeigen können.

In Bezug auf die Netzwerkgruppe heißt das, dass behinderte Menschen bisher in Systeme integriert waren, wo sie mit anderen ‚Integrierten‘ zusammengewürfelt wurden. Oftmals an einem Förderzentrum. Das war ja alles gut gemeint, aber wenn sie heute lernen, dass Schule, Jugend, Gesundheit, Soziales, deren Fachmenschen, die Erwachsenen so gut miteinander kooperieren, dass auch sie einen ganz normalen Schulbesuch haben können, dann bekommen sie mit, dass über gelungene Abstimmungsprozesse auf Erwachsenenebene Teilhabe am ‚stinknormalen’ Leben möglich ist. Darum geht es.

Bereits der Prozess der Abstimmung zwischen den Erwachsenen und den Institutionen und sich überhaupt diesem Gedanken der Inklusion und dem damit verbundenen Idealbild zu nähern, ist schon eine Herausforderung für Erwachsene. Wie meinst du, können in diesen Prozess der Gestaltung und Entwicklung von Inklusion innerhalb der Netzwerkgruppe Kinder und Jugendliche eingebunden werden?

Wir haben vor, gezielt Schüler und Schülerinnen anzusprechen, die für sich das Recht geltend machen, zu sagen: ‚Ich möchte für den Bezirk Steglitz-Zehlendorf mitarbeiten. Da gibt es eine offizielle Gruppe, da möchte ich Bestandteil sein.’ Dafür werben wir ganz aktiv und da haben wir auch schon erste kleine Ergebnisse. Die August-Zeune-Schule hat jetzt schon ihren ersten Abgesandten, der bei der nächsten Netzwerkgruppe dabei sein wird und ich würde mich freuen, wenn es noch mehr werden. Wenn es zwei, drei mehr sein könnten, wäre das super. Sie würden uns auch gut tun, weil sie auch eine kindliche bzw. eine jugendliche Perspektive reinbringen und auch die Perspektive, was es bedeutet, gehandicapt oder eingeschränkt zu sein, was uns eine Übersetzungsvorlage bietet, die wir auch brauchen.

Und es entsteht ja auch ein Film zu verschiedenen Partizipationsprojekten, die in Zusammenarbeit mit Schulstationen und Schulen durchgeführt werden. Welches Ziel verfolgt dieser Film?

Wir haben bereits im Vorfeld einen sehr erfolgreichen ersten Film gedreht: ‚Normal ist die Gemeinsamkeit. Steglitz-Zehlendorf auf dem Weg zur Inklusion.’ Der ist ein richtiger kleiner Hit geworden, was mich sehr freut. Eigentlich haben wir ein anstehendes Fachthema aufgezeigt, aber irgendwie scheint es doch den Nerv getroffen zu haben. Der Film zeigt auf, wie zu einer politischen Norm bzw. einer Vorgabe eine Netzwerkgruppe entsteht, also eine gelungene Gestaltung einer Organisation von Stakeholdern und Interessensgruppen zu einem Thema. Der Film ist so geworden, dass sich alle darin wieder gefunden haben. Wir konnten ihn als Werbefilm für die Netzwerkgruppe verwenden und einerseits der Politik sagen: ‚Da stehen wir’ und gleichzeitig der Fachwelt sagen: ‚Hier ist die Netzwerkgruppe SZ zum Thema Inklusion.’
Der Film kam bisher sehr gut an, es gab aber einen Kritikpunkt an diesem Film bzw. an diesem Prozess, nämlich: ‚Wo sind die Kinder und Jugendlichen?’ Der Kritik müssen wir uns stellen. Wir haben überhaupt gar keine Kinder und Jugendlichen bisher konkret im Prozess gehabt, keine Gymnasiasten, keine s.g. Förderschulbesucherinnen. Eine filmische Dokumentation, wie wir sie nun mit einem zweiten Film umsetzen wollen,  bietet die Möglichkeit einer Radikalität, die ein normales Setting gar nicht erlauben würde. Die politische Korrektheit eines Kindes bzw. eines Jugendlichen ist immer dann gegeben, wenn es sich im offiziellen Setting bewegt und dort spricht. Solch ein Film gibt ungeschminkt wieder, wie Kinder das Thema Inklusion betrachten.
Eines möchte ich noch betonen. Das Thema Inklusion sorgt ja nicht nur für Begeisterung, sondern auch für Ängste, für ganz diffuse Ängste, bis hin zur Existenzangst von Trägern, die auf einmal umdenken müssen, weil sie bisher von Integration und den bereit gestellten Angeboten gelebt haben. Ich kann nur sagen, das Thema Inklusion, so begeistert ich auch bin, es ist ein Sprengstoff auf allen Ebenen. Bis hin  zu Eltern, die sagen: ‚Also ich möchte schon wissen, mit wem mein Kind in eine Klasse geht, weil der Lern- und Bildungserfolg meines Kindes davon abhängt.’ Ich möchte dies nicht verallgemeinern oder verteufeln und wenn das jemand hier lesen sollte, ist hoffentlich nicht er oder sie damit gemeint, aber es gibt bestimmt Menschen in Berlin, die mit dem Thema Inklusion eher Ängste verbinden.

Bieten der Film und die darin beschriebenen Partizipationsprojekte eine Grundlage zum Anknüpfen oder ist das eine einmalige Sache und dann abgeschlossen?

Der neue Film sollte schon eine Glut sein, woraus auch ein Feuer entstehen kann. Ich sage das bewusst so, weil Inklusion ein Thema ist, das nicht mehr aufzuhalten ist. Aber es wird ein gesamtgesellschaftlicher Prozess sein, diesen Weg zu gehen. Und so einen Weg zu gehen, das heißt über Jahrzehnte daran fest zu halten. Wenn wir mal den Weg der verschiedenen Phasen, von Separation bis hin zur Inklusion anschauen, allein in Europa oder in Deutschland, dann stellen wir fest, dass bereits zwischen den Begriffen der Integration und Inklusion, die sich noch relativ nahe verwandt sind, Jahrzehnte liegen. Also wird auch der Inklusionsprozess Jahrzehnte dauern, bis er überhaupt mal angekommen ist und vielleicht werden erst  unsere Kinder am eigenen Leib feststellen, was es heißt, in einem inklusiven, gesellschaftlichen Gesamtsystem zur Schule zu gehen. Und vielleicht wird dann erst die Berufswelt erfahren, wie es ist, wenn Menschen mit und ohne Behinderungen, ohne Grenzen und Barrieren miteinander arbeiten, auch in Arbeitsfeldern, die man früher nie für möglich gehalten hätte.

Es könnte also auch als Modell genutzt werden?

Auf jeden Fall, aber eher auch als Anregung: ‚Macht mit den Kindern was dazu, das ist ein tolles Unterrichtsthema, das ist ein Workshopthema, das ist so umgreifend, denn es umfasst so viele Themen, wie Menscherechte, Teilhabe, Behinderung/Nichtbehinderung, ‚Was ist normal?’  Wenn man das Thema Inklusion auf die Stellung der Frauen weltweit, auf die Stellung von Homo- und Heterosexualität weltweit bezieht, auf all diese weiteren Themen, dann merken wir erst einmal, wofür dieser Begriff auch gut ist und warum Integration bestimmt ein guter Baustein in einer dafür vorgesehenen Zeit war, aber eben auch nicht mehr taugt für eine emanzipierten und zukunftsorientierten Gesellschaftsentwurf.

Was ist dir noch wichtig zu dem Thema zu sagen?

Mir ist ganz wichtig zu sagen: ‚Machen wir uns mal nichts vor, wir sind alle ‚bedroht’ von Inklusion.‘ Alle Systeme müssen sich die Frage stellen: ‚Wie stellen wir uns heute dar bzw. wie machen wir uns neu, also inklusiv?’. Ich möchte alle gerne einladen, genau nachzuhaken, wie es wohl ‚anders‘ sein könnte. Ebenso ist es mir wichtig zu sagen, dass es  keine Sozialträger geben kann, die nichts mit Behinderung zu tun haben. Ich kann mich nicht nur auf ein spezielles Segment, wo Behinderung einfach nicht vorkommt, konzentrieren. Das gilt auch für Schulen, das gilt für alle Systeme, da ist mein eigentlicher Appell: ‚Stellen wir uns gemeinsam diesem Thema!’ Wenn wir erst einmal verstehen, wie viel Behinderung eigentlich um uns herum ist, dann wissen wir auch, dass es nicht mehr zur Seite zu kehren ist und ich spreche sowohl von den ganz leichten Behinderungen, von denen kaum einer etwas weiß, die wir erst wahrnehmen, wenn sie uns erzählt werden, bis zu schweren Mehrfachbehinderungen, die zum Teil auch Ängste auslösen, weil Menschen nicht wissen, wie sie darauf reagieren sollen. Aber diese neuen und anderen Begegnungen sind ja auch ein riesiger Schatz in einer aufgeklärten Gesellschaft, sie sind  eine Ressource, der wir uns noch gar nicht bedient haben und das halte ich auch für eine riesen Chance, auch wieder zu bestimmten Grundwerten hinzukommen, wo wir, denke ich, auch alle hin wollen, nämlich einen respektvollen und demokratischen Umgang miteinander, menschenwürdiges Leben in allen Facetten der Gesellschaft zu ermöglichen und zum Thema: Partizipation für alle Menschen ermöglichen.

Vielen Dank!

 

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